Eine systemische Denkanregung für Eltern

Wer kennt das nicht: das Baby schreit und hört einfach nicht auf. Das Kleinkind eskaliert und kann sich nicht beruhigen. Cry-It-Out war lange die Methode der Wahl, doch immer öfter wird diese Methode nun endlich hinterfragt!

Manche Sätze klingen auf den ersten Blick logisch.
Kinder müssen lernen, sich selbst zu regulieren, ist so ein Satz.

Und ja, natürlich ist Selbstregulation ein wichtiges Entwicklungsziel.
Die systemische Frage ist jedoch nicht ob, sondern wie und wann.

Entwicklung findet nicht im luftleeren Raum statt

Weiterlesen: Kinder müssen lernen, sich selbst zu regulieren

Aus systemischer Perspektive entwickeln Kinder ihre Fähigkeiten immer im Kontext von Beziehung. Kein Kind reguliert sich isoliert. Regulation entsteht zunächst zwischen Menschen, nicht in ihnen.

Ein unreifes Nervensystem kann sich nicht selbst beruhigen.
Es braucht ein anderes, reguliertes Nervensystem als Orientierung:

eine ruhige Stimme

körperliche Nähe

Präsenz

Resonanz

Das nennen wir Co-Regulation.

Erst aus vielen wiederholten Erfahrungen von „Ich werde gesehen, gehalten und unterstützt, wenn es zu viel wird“ entsteht nach und nach das, was wir später Selbstregulation nennen.

Wenn ein Kind „es gerade nicht kann“

Systemisch betrachtet ist wichtig:
Ein Kind verhält sich nicht so, weil es nicht will,
sondern weil es im Moment nicht anders kann.

Überforderung, Müdigkeit, Hunger, emotionale Reize oder soziale Spannungen wirken immer im gesamten System. Ein Verhalten ist dann kein individuelles Versagen, sondern ein Signal.

Die Frage verschiebt sich dadurch von:

Warum reißt es sich nicht zusammen?
zu:
Was braucht dieses System gerade, um wieder in Balance zu kommen?

Regulation wird gelernt, aber nicht durch Alleinsein

Wenn Erwachsene sich zurückziehen mit der Idee, ein Kind müsse „das jetzt allein klären“, lernt das Kind selten Regulation. Häufig lernt es Anpassung, Rückzug oder Übersteuerung.

Systemisch gesehen ist das nachvollziehbar:
Das System bleibt dysreguliert, es wird nur leiser.

Nachhaltige Entwicklung entsteht dort, wo Erwachsene verantwortlich regulieren, bis Kinder es zunehmend selbst übernehmen können.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Vielleicht geht es weniger darum, Kinder möglichst früh unabhängig zu machen.
Und mehr darum, ihnen ausreichend abhängige Sicherheit zu ermöglichen.

Denn was Kinder in Beziehung erleben,
wird später Teil ihrer inneren Struktur.

Selbstregulation ist kein Startpunkt.
Sie ist ein Ergebnis.